30.07.2013

Im ländlichen Raum gibt´s noch viel für die Verkehrswende zu tun

Bild: Radtour SPD Tittmoning
Roman Niederberger mit SPD Tittmoning auf Radtour
Mobilität ohne Auto testete die Tittmoninger SPD am vergangenen Freitag gemeinsam mit ihrem Landtagskandidaten für den Stimmkreis Berchtesgadener Land/Rupertiwinkel, Roman Niederberger aus Piding. Eine Radtour führte durchs Gemeindegebiet von Wiesmühl nach Asten, wo sich eine Informationsveranstaltung zum Thema „Bessere Bus- und Bahnverbindungen für Bayern“ anschloss. Gemeinsam mit dem Ortsvereinsvvorsitzenden und Landtagskandidaten für den Stimmkreis Traunstein, Dirk Reichenau, forderte Niederberger unter dem Motto „Vorfahrt für die Vernunft!“ ein sicheres, attraktives Schienen- und Radwegenetz als Alternative zum motorisierten Individualverkehr.

Die Radtour führte die Teilnehmer von Wiesmühl, wo der Gast mit der Regionalbahn ankam, zunächst nach Tittmoning, um die Anbindung der Stadt ans Schienennetz zu testen. „Barreiefrei ist anders“, kommentierte der Bahnfahrer angesichts der sportlichen Aufgabe, sein Radl aus dem Zug zu bekommen. Stadtrat Wolfgang Erler gab auf der Fahrt Anekdoten aus der Zeit zum Besten, als die Stadt Tittmoning und sogar Kirchheim und Lanzing noch eigene Haltestellen hatten, und erklärte, nach Auflassung des Bahnhofs Tittmoning habe es zunächst im Takt der in Wiesmühl ankommenden und abfahrenden Züge eine Busverbindung zur Stadt gegeben, was leider längst nicht mehr der Fall sei. Man genoss die Radfahrt auf malerischen Sträßchen und Wegen, stellte jedoch fest, dass die Ausweisung etwa als „Salzachtalradweg“ oder „Benediktweg“ keine Schlüsse auf die Ortschaften zulasse, die angefahren würden. Gerade für nicht Ortskundige, die mit der Bahn in Wiesmühl ankommen, wurde eine klare, gut sichtbare Beschilderung gleich am Bahnhof zur Route nach Tittmoning vermisst.
Nach einer Erfrischung am Storchenbrunnen auf dem Stadtplatz ging’s durchs schattige Ponlach hinauf ins Hüttenthaler Feld und von dort Richtung Leitgeringer See. Auf dieser im Som¬mer viel befahrenen Strecke zum Badesee liegt, wie Reichenau erklärte, eine der Gefahren¬stellen des örtlichen Radwegenetzes bei der Querung der Kreisstraße Tittmoning – Tyrlaching (St2106) in Richtung Grassach. Auch die alternative Route mit Querung derselben Straße bei Saag sei gefährlich und gerade für Kinder nicht empfehlenswert. Auf der offiziellen, mit Kiesweg und Steigungen recht beschwerlichen Radwegroute fuhr man um den See herum über Wallmoning, Leitgering und Laufing nach Asten. Die Teilnehmer konnten den Wunsch nach einer praktikableren Alternative an Furth und am Seewirt vorbei gut nachvollziehen, die allerdings nicht wie derzeit auf der gefährlichen B20 geführt werden dürfe.

Nach einer Pause mit Brotzeit im gemütlichen Biergarten der Dorfwirtschaft begann der zweite Teil der Veranstaltung. Dirk Reichenau erläuterte einführend den ernsten Hintergrund der vergnüglichen gemeinsamen Unternehmung: Die SPD-Stadtratsfraktion habe in den vergangenen Haushaltsberatungen fast jedes Jahr Anträge zur An- und Verbindung sämtlicher Ortsteile durch sichere, gut beschilderte Fahrradrouten eingebracht. Die Veranstaltung solle dazu dienen, dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, damit die mühsam erarbeiteten Konzepte nicht weiterhin „in den Schubladen der Verwaltung verschwinden“. Mit Roman Niederberger habe man einen Fachmann für den Öffentlichen Nahverkehr eingeladen, um auch über die Gemeindegrenzen hinaus Alternativen zum motorisierten Individualverkehr zu diskutieren. Außerdem freue er sich, mit Stadträtin Güldane Akdemir aus Bad Reichenhall auch die örtliche SPD-Kandidatin für die Bezirkstagswahl begrüßen zu können, die sich für die Barrierefreiheit an allen Bahnhöfen in der Region stark macht.

Der Referent aus Piding legt selbst die meisten Strecken mit Bus und Bahn zurück und kennt daher die Defizite der öffentlichen Verkehrsmittel in der Region sehr genau. Der befürchtete Verkehrsinfarkt auf deutschen Straßen sei an manchen Tagen schon bittere Realität, so Niederberger. Angesichts der Tatsache, dass nur 20% des Energieverbrauchs auf den Strom entfällt, während der Verkehr ebenso wie die Wärmeerzeugung mit 40 % zu Buche schlägt, müsse außerdem klar sein, dass eine Energiewende ohne Verkehrswende undenkbar sei.

Die Lärmbelastung, die vielerorts für Anwohner von Bundesstraßen ebenso unerträglich sei wie für Menschen in der Nähe der Autobahn, sei ein weiteres Problem. Natürlich würde die Elektromobilität viele dieser Probleme lösen, doch nicht nur in Bayern seien E-Autos noch Ausnahmeerscheinungen, und für den Güterverkehr gebe es weiterhin keinen schlüssigen Plan der Regierung.
Der größte Teil der privat täglich zurückgelegten Strecken seien nachweislich geringe Distan¬zen. Daher liege es nahe, in der Kombination von Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln eine Alternative zu suchen. Im ländlichen Raum gebe es in den Bereichen Radwegenetz und Öffentlicher Nahverkehr allerdings noch viel zu tun. Schon um die in der Verfassung vorgegebenen gleichwertigen Lebensbedingungen in ganz Bayern zu erreichen, solle man Mindeststandards wie die Erreichbarkeit etwa des nächsten Mittelzentrums, Krankenhauses oder der nächsten Schule mit öffentlichen Verkehrsmitteln innerhalb einer gewissen Zeit für alle Wohn¬orte in Bayern festlegen. „Das sind Ziele, die in ein Landesentwicklungsprogramm gehören, das seinen Namen verdient.“ Auf kommunaler Ebene brauche man einen klaren Plan zum Radwege-Ausbau, der Schritt für Schritt umgesetzt werde. Die Landeshauptstadt München mit ihrem Oberbürgermeister Christian Ude sei hier vorbildlich.

Was den öffentlichen Nahverkehr angehe, so würde der Betrieb der Bahnstrecken in Bayern nach und nach ausgeschrieben. Nach schwierigem Start im Jahre 2006 funktioniere beispielsweise die BerchtesgadenerLandBahn recht gut. Ab 2013 werde auch die Strecke München-Rosenheim-Salzburg in privater Hand liegen und bis 2016 könne man mit einer Ausschreibung der Mühldorfer Strecke rechnen. Die für Pendler und Industrie gleichermaßen wichtige Verbindung zwischen München, Mühldorf und Freilassing sollte nach Meinung Niederbergers schnell und elektrifiziert ausgebaut werden.

Er lenkte die Aufmerksamkeit auf die Anbindung an den Münchener Flughafen, dessen Erreichbarkeit über die Mühldorfer Strecke die Region aufwerten würde. Diese Idee sei durchaus nicht utopisch, doch obwohl Bundesverkehrsminister und Bayerischer Umweltminister aus der Gegend stammen, bewege sich hier nichts. „Die oft zitierten Hintergrundgespräche haben seit Jahren keine Ergebnisse erbracht!“ Auch ohne Ausbau sei auf dieser Strecke im Übrigen schon durch Beschleunigung und Kapazitätsverbesserungen ein Stundentakt machbar.

Die Tittmoninger horchten auf, als der Gast schließlich von dem seit einigen Jahren vorliegenden, verlockenden Vorschlag berichtete, die Salzburger Lokalbahn über Ostermiething und Tittmoning vielleicht sogar bis Asten auszubauen. „Eine verrückte Idee, werden viele sagen. Aber wir brauchen auch verrückte Ideen, wenn wir einen wirklich attraktiven öffentlichen Verkehr aufbauen wollen“, so Niederberger. Auch die Busverbindungen auf dem Land gelte es zu verbessern, für die man einen besseren Takt und Service brauche.

Niederberger schloss, mit der Gestaltung ihrer Verkehrsanbindung hätten die Kommunen ei¬nen wichtigen Regler für die Attraktivität ihres Standorts und damit für Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum und Lebensqualität in der Hand. Gefragt sei politischer Gestaltungswille, um die notwendigen Weichenstellungen für die Region vorzunehmen. Das konnte Dirk Reichenau nur unterstreichen. Für Tittmoning lägen die SPD-Anträge seit langem vor.

Im anschließenden Erfahrungsaustausch kamen noch sehr konkrete Probleme vor Ort zur Sprache. So wurde die Forderung nach einem Stadtbus-System zur Verbindung der Gemeindeteile erneuert. Auch die Busfahrpläne während der Schulferien waren ein Thema, und als Traunsteiner Kreisrat erhielt Dirk Reichenau den Auftrag, zu erkunden, ob man „Nachtschwärmer-Busse“ nicht auch über die Landkreisgrenzen hinweg etwa nach Burghausen betreiben könne. Gerade für Jugendliche und ältere Menschen, so wurde klar, ist das Angebot noch deutlich verbesserungsfähig.


Öffentliche Verkehrsmittel Tittmoning 

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