25.07.2013

Lichterketten statt Leuchttürme

Bild: Lichterketten statt Leuchttürme
Diskussion mit Prof. Dr. Werner Widuckel über eine bessere Wirtschaftspolitik für Bayern
„Lichterketten statt Leuchttürme: Wirtschaftspolitik für den Mittelstand“ – unter diesem Titel stand eine Diskussion, zu der in der vergangenen Woche die SPD im Rupertiwinkel zu einer öffentlichen Diskussion in den Gasthof Raab in Götzing einlud. Als Referenten konnten die heimischen Sozialdemokraten einen echten Wirtschaftsexperten gewinnen: den früheren Personalvorstand und Arbeitsdirektor der Firma Audi und Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg Prof. Dr. Werner Widuckel, der zugleich wirtschaftspolitischer Berater des SPD-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl Christian Ude und selbst Landtagskandidat in Eichstätt ist.

„Fridolfing ist ein starker Standort für produzierendes Gewerbe außerhalb der großen Ballungszentren“, machte Anna Aigner vom SPD-Ortsverein in ihrer Begrüßung deutlich. Sie bedankte sich bei Roman Niederberger, der als Landtagskandidat den Termin organisiert hatte und auch als Moderator durch die Veranstaltung führte. In ihrem Grußwort erinnerte die heimische Bundestagsabgeordnete Dr. Bärbel Kofler an die große Bedeutung der staatlichen Rahmenbedingungen für die Wirtschaftsentwicklung und erneuerte die Forderung nach einem schnellen Ausbau der Bahnstrecke München – Mühldorf – Freilassing als wichtigsten Baustein.

Positive Eindrücke verbindet der in Salzgitter gebürtige Werner Widuckel mit dem Rupertiwinkel: als Kind führte ihn der Urlaub mit den Eltern nach Waging, erinnerte er sich in der Einleitung zu seinem Vortrag. Danach kam er schnell und präzise zur Sache und übte deutliche Kritik am „Bayern-Plan“ der Staatsregierung: wer für 2018 Vollbeschäftigung und 2030 Schuldenfreiheit verspreche, dürfe nicht verschweigen, dass die Infrastruktur in vielen Bereichen vernachlässigt worden ist. Allein 50 Prozent der Brücken in Bayern gelten als sanierungsbedürftig, so Werner Widuckel.

„Die Wirtschaftspolitik darf sich nicht allein auf die Metropolregionen und auf den Export und die Hochtechnologie ausgerichtete Firmen konzentrieren, sondern muss auch im ländlichen Raum Strukturen sichern und Arbeitsplätze schaffen“, forderte der Professor für Personalmanagement und Arbeitsorganisation. Das Landesentwicklungsprogramm, das vor den Neuwahlen trotz scharfer Kritik aller Verbände durch den Landtag gepeitscht wurde, gebe keinerlei Antworten auf die bestehenden Herausforderungen. Es fehle am Mut, klare Weichenstellungen zu setzen und damit beispielsweise den demographischen Wandel positiv zu gestalten.

„Mein erster von zwischenzeitlich über 70 Betriebsbesuchen als Wirtschaftsberater von Christian Ude führte micht zur Firma Wacker in Burghausen“, berichtete Werner Widuckel. Das bayerische Chemiedreieck dürfte im wahrsten Sinne des Wortes nicht den Anschluss verlieren, weswegen ein Schienenausbau dringend nötig sei. „Wer wie die Staatsregierung für den Bundesverkehrswegeplan nur eine Wunschliste mit über 450 Projekten ohne klare Prioritäten erstellt, handelt nicht im Interesse des Freistaats“, so der Wirtschaftsexperte. Er sprach sich für einen Kassensturz zur Infrastruktur in Bayern und ein langfristig angelegtes Sanierungs- und Investitionsprogramm aus.

Nicht nur die Verkehrs-, sondern auch die soziale Infrastruktur bestimme in der heutigen Zeit über den Erfolg von Regionen und Unternehmen, machte Werner Widuckel deutlich. Dazu gehöre eine wohnortnahe Schule ebenso wie ein starkes Betreuungsangebot und ein gut ausgebauter öffentlicher Verkehr. „Wenn der ländliche Raum hier immer weiter abbaut, schadet das auf Dauer auch massiv der wirtschaftlichen Entwicklung“, erklärte er. Eine Gefahr sieht Werner Widuckel auch im derzeitigen Umgang der Staatsregierung mit der Energiewende: „Wir brauchen klare Signale und einen konkreten Plan für die nächsten Jahre statt Gefälligkeitsentscheidungen wie das vom Ministerpräsidenten verkündete Abstandsgebot von 2 Kilometern für Windenergieanlagen. Und wir müssen massiv in die Forschung bei der Speichertechnologie investieren“, forderte er.

In der anschließenden Diskussion erinnerte der Fridolfinger Bürgermeister Hans Schild an die gute Lösung, die der heimische Planungsverband für den Umgang mit Windenergie gefunden hatte und kritisierte ebenfalls die Kehrtwende in der Landespolitik. „Wir haben mit der Energiewende eine einmalige Chance auch für die Wirtschaft, die wir nicht verspielen dürfen“, war er sich mit Werner Widuckel einig. Der Traunsteiner SPD-Kreisvorsitzende und Landtagskandidat Dirk Reichenau kritisierte die bürokratischen Lasten, die den Kommunen aufgebürdet werden als Investitionshemmnis und forderte eine stärkere interkommunale Zusammenarbeit bei der Wirtschaftsförderung.

Vom gesetzlichen Mindestlohn über die brisante Mietentwicklung nicht nur in den Großräumen bis zur Bildungspolitik spannte sich in der weiteren Diskussion der Bogen, bevor Roman Niederberger sich zum Abschluss der Veranstaltung passend zum Thema „Lichterketten statt Leuchttürme“ mit einer Flasche „Bergfeuer“ bei Werner Widuckel für dessen engagierten und hoch kompetenten Vortrag bedankte.

Foto: Gemeinsam für den Wechsel in Bayern (von links nach rechts):
Dirk Reichenau (SPD-Kreisvorsitzender und Landtagskandidat Traunstein), Güldane Akdemir (Bezirkstagskandidatin BGL / Rupertiwinkel), Dr. Bärbel Kofler, MdB, Roman Niederberger (SPD-Kreisvorsitzender und Landtagskandidat BGL / Rupertiwinkel), Prof. Dr. Werner Widuckel, Hans Schild (Bürgermeister Fridolfing)


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